Montag, 27. August 2012

Die "Lebenshilfe-Szene"


Splittet sich immer mehr auf

"Für Stefan Barthel von der Berliner Sekten-Leitstelle ist dies nur ein Beispiel dafür, dass Scharlatane zunehmend im Verborgenen – oft im privaten Rahmen – arbeiten. "Seit vier, fünf Jahren gibt es das Phänomen, dass sich die sogenannte Lebenshilfeszene stark splittet und große klassische Sekten langsam verschwinden", weiß Barthel. Solange diese Gruppen sich nicht strafbar machten, könnten sie nur schwer bekämpft und nicht namentlich genannt werden, sagt Barthel." Schreibt die "Berliner Zeitung".

Zu den "großen klassischen Sekten" wird in diesem Artikel auch die Scientology Church gezählt, die jedoch in Deutschland nie sonderlich groß gewesen ist, sondern groß spekuliert wurde, bis die Mitgliederzahl angeblich bei 300 000 lag. So sicherte beispielsweise eine Verbraucherschützerin aus dem Raum München die hohen Auflagen ihrer Bücher, die werbewirksam nachts in die Buchhandlungen gebracht wurden. Mit Hysterie hat man schon häufiger genauso viel Geld verdient, wie mit Sekten- und Esoterik-Humbug.

In Krisenzeiten klammern sich Menschen auch an den letzten Strohhalm und reagieren mit ihren Gurus blindwütig-verzweifelt auf Warnungen. Scharlatane werden reich, können sich deshalb teure Anwälte leisten, die Kritiker mundtot machen. Ein Jurist aus Münster kann davon ein garstig Lied singen, das ich hier nicht einmal verlinken darf, wenn ich nicht Gefahr laufen will, ebenfalls verklagt zu werden.

Das wäre auch aus einem zweiten Grund gefährlich. Der heißt: Feigheit der Kritiker. Unzählige Weltansschauungsbeauftragte der evangelischen Kirche haben sich vor Jahren hinter einer Äußerung von Norbert Blüm verschanzt, der die Scientology Church als "kriminelle Organisation" einstufte. Schon zogen sie mit der Formulierung los: "Die nach Auffassung von Norbert Blüm ´kriminelle Organisation´..." Eine eigene Meinung schienen sie nicht zu haben.

Auf die verzichtete auch der Weltanschauungsbeauftragte von Hannover, als mich die Neuapostolische Kirche 1988 wegen eines Interviews mit dem Evangelischen Kirchenfunk Niedersachsen angezeigt hatte. Obenauf war der erst wieder, als die Staatsanwaltschaft von Hannover das Ermittlungsverfahren eingestellt hatte, weil meine Kritik berechtigt sei. Diesen Beschluss kopierte dieser Weltanschauungsbeauftragte und verschickte ihn an seine Kolleginnen und Kollegen. Verteidigt hatte ich mich alleine - ohne jede offizielle Hilfe von evangelischer Seite. Dafür half ich anschließend ungefähr 2 000 Sektenaussteigerinnen und Sektenaussteigern, von denen viele den Weg über die Evangelische Zentralstelle für Weltansschauungsfragen (EZW) zu mir fanden. Als ich die EZW auf die Beratungskosten hinwies, überwies man mir eine "einmalige Spende" in Höhe von 200 Mark!

Die Neuapostolische Kirche ist übrigens tatsächlich eine "klassische Sekte" - und zwar in mehrfacher Hinsicht. Sie entstand 1896 nach unzähligen Abspaltungsprozessen und folgte bedingungslos Meistern, die sich "Stammapostel" nannten. Nur diese Meister verkörperten den "richtigen Weg". Wer ihnen nicht glaubte, galt als verdammt und gehörte zum Anhang des Teufels, dem bis zum Jahre 2000 der Garaus gemacht werden sollte. Was sich als Irrtum erwiesen hat, von dem sich die Neuapostolische Kirche nur schwer erholt - oder gar nicht mehr.

Die Zeugen Jehovas sind die zweite "klassische Sekte". Die hat in Deutschland eine erstaunlich stabile Zahl an Anhängern, obwohl alle, die sich hartnäckig nicht an die internen Regeln halten, wieder ausgeschlossen werden. Offenbar sind in dieser Sekte Angst und das Gefühl des Auserwähltseins stärker verankert als in den "klassischen Sekten", die laut "Berliner Zeitung" schrumpfen und "langsam verschwinden".

Parallelwelten erschaffen sich immer wieder neu. Dafür gibt es viele Gründe. Wer nicht in diesen Sog geraten will, muss stark sein oder gestärkt werden.




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